Bericht:
Ursula Hürzeler
Ruedi Hösli
Marianne Mantel
Susanne Sommer
Heinz Schweizer
Hanna Schweizer
Jürg E. Bartlome

Drinnenbleiben! Und sonst so?

Was für ein Frühling! Strahlend-schönes Wetter, Vogelgezwitscher, blühende Bäume. Das ideale Wanderwetter! Aber eben: Corona. Wir Alten mussten zuhause bleiben, möglichst Tag und Nacht, und das auf unabsehbare Zeit. Ich verstehe gut, wie schwer das manchen von Euch gefallen ist – mir im übrigen auch. Wochenlang schlich ich mich nur zwischen 6.15 und 8.00 Uhr aus der Wohnung. Da gab’s kaum Leute in den Berner Strassen, und sogar viele Bäckereien waren noch zu. Mir aber tat dieser Abstecher in die Welt gut: er stärkte mein Immunsystem und half mir, positiv zu denken. Das war auch nötig, denn das gefühlte Eingesperrtsein ging doch an die Nerven, so vernünftig die ultimativen Appelle, als 65+ ja zuhause zu bleiben, auch sein mochten.
Was hat Dir während des Lockdowns geholfen gut über die Runden zu kommen, was waren Deine Aufsteller? Das habe ich ein paar Pantherinnen und Panther gefragt. Hier sind ihre Antworten.

Ursula Hürzeler

 

Die kleinen Freiheiten

Als ehemaliger Profi im Bereich öffentliche Gesundheit habe ich mit grossem Interesse die Entwicklung und die Ausbreitung der Lungenkrankheit Covid-19 verfolgt und habe deshalb die Strategie des Bundesrates voll und ganz akzeptieren können. Die Entscheidungen basierten auf wissenschaftlichen Erkenntnissen und waren nicht von macht- oder parteipolitischen Interessen geprägt.

Als über 65-jähriger war ich persönlich von den einschneidenden Massnahmen (die eingeschränkte Bewegungsfreiheit und der Verzicht auf soziale Kontakte) stark betroffen. In den ersten Tagen fühlte ich mich abwechselnd wütend, gelangweilt und deprimiert.

Wenn sich eine Situation nicht ändern lässt, muss man sich damit arrangieren und sie zum Beispiel umdeuten. Dementsprechend definierte ich mich nicht als schutzbedürftige, sondern als besonders schützenswerte Person. Durch diese Sichtweise verpflichtete ich mich, mir Sorge zu tragen und mich nach Strich und Faden zu verwöhnen. Dazu gehörten fein und ausgiebig kochen, ausgesuchten Wein geniessen, alte LP’s hören, lesen, mit den Nachbarn quatschen, mit Freunden telefonieren und Abendspaziergänge mit meiner Liebsten unternehmen.

Nach der ersten Lockerung war das Wandern mit lieben Freunden ein riesen Genuss. Auch freute ich mich über die ersten Fahrten mit unserem Schiff auf den Juraseen und die Nächte in der Koje bei leichtem Wellengang und «Glunschen». Velofahrten auf Routen in der näheren Umgebung waren ebenfalls ein totaler Aufsteller. Bekanntes und Vertrautes habe ich in dieser Zeit neu entdeckt und schätzen gelernt.

Hingegen war für mich der Beizenbesuch nicht besonders «anmächelig». Die Vorstellung von Personen mit Mundschutz bedient zu werden erinnerte mich zu stark an Behandlungen beim Zahnarzt.

Für mich war es eine wichtige Erkenntnis in den letzten Monaten, dass alltägliche Erlebnisse und kleine Freiheiten beim bewussten Wahrnehmen wohltuend und herzerfrischend sein können.

Ruedi Hösli (Ende Mai)

 

Mein Leben zu Corona Zeiten

Jeder erlebt ja in diesen surrealen Zeiten eine andere, persönliche Geschichte.

Meine war eine äusserst glückliche. Kurz nachdem ich die Krücken nach 6 Wochen weglegen konnte, kam die Botschaft: Ihr da – die Risikogruppe – ihr habe nur noch eine Pflicht «zuhause bleiben» – «gesund bleiben»!!! …und einkaufen lassen… Das hiess für mich «geniessen»!

Ich konnte bei schönstem Wetter (etwas sehr trocken) dem knospenden Frühling zuschauen, meine Wohnung mit Büchern, Küche(!) und Computer geniessen, und wenn ich mich langweilte, meldeten sich sofort meine erschlafften Muskeln (im Bein/neue Hüfte) und riefen: trainieren, trainieren!

Aber, ich glaube die schwierige Zeit kommt erst jetzt, nun da wir versuchen müssen, gesund aneinander vorbei zu kommen. Und diese Übung finde ich fast noch erschreckender, will heissen Angst einflössender, weil man dauernd daran denken muss. Zu diesem Zustand wünsche ich Euch allen da draussen und mir viel Mut, Durchhaltewillen und Humor…. und vielleicht ist man zuhause doch noch am besten aufgehoben.

 Marianne Mantel, Ende Mai

 

Lockdown-Impressionen – aus dem Rahmen gefallen

Der Horizont ist schmal geworden, die gesellschaftliche Entfremdung und Isolation gross. Der Stillstand lässt mich zum Zuschauer werden: es fehlen neue Anstösse, neue Erinnerungen.
Hilfsbereitschaft und Herzlichkeit der Nachbarn, welche für uns einkaufen, sind jedoch berührend – die Dankbarkeit für ihre Unterstützung gross!
Und plötzlich gibt es so viel Zeit, die nun zum Austausch mit lieben Menschen genutzt werden kann – leider nicht in gewohnter Nähe. Entschleunigung lässt erkennen, dass weniger auch mehr bedeuten kann.
Der neue Alltag bietet mehr Raum für Kreativität: aus Vorhandenem kann auch Neues entstehen.Der Stillstand führt zu Bewegungsarmut – körperlich, seelisch und geistig – trotz eines neuen, täglichen Gymnastikprogramms. Die digitalen Medien ermöglichen einen Beitrag zu geistiger Fitness oder einen Ausflug in die Welt, die zurzeit nicht zugänglich ist. Eigeninitiative ist jedoch notwendig, um eine ausgewogene Tagesstruktur zu planen und einzuhalten.
Wie durch eine Lupe betrachtet vergrössert sich der Wunsch nach Normalität: in den Zug steigen, das Grab meiner Mutter besuchen, das Essen am vertrauten Ort, eine Umarmung.
Die Palette der Freiheiten hat Farben verloren. Die Sehnsucht nach Unterwegssein spiegelt sich im Text von Robert Walser, der sein Bedürfnis beschreibt als „vergnügliches, rötliches, bläuliches oder grünliches Schlendern, Spazieren und Vagabundieren“ (Ende Zitat).
Ich wünsche uns, dass wir den Wiedereinstieg in einen passenden Rahmen schaffen und uns beim farbenfrohen Vagabundieren bald wieder treffen dürfen.
In diesem Sinn: bleibt bewegt, mutig und zuversichtlich!

Susanne Sommer

 

Per Seilbahn bestens verbunden

Die Familie der Grosskinder, die in Sichtdistanz zur Wohnung der Grosseltern in Bern lebt, hat dem Grossvater zu seinem Geburtstag seine bald 70-jährige Rigibahn totalsaniert und von Haus zu Haus fest installiert. Sie war somit die einzig laufende Seilbahn der Schweiz während der Coronazeit. Das Publikumsinteresse war gewaltig, und mit den Grosskindern fand ein reger Austausch von Briefen, Zeichnungen und an Ostern auch von Schokoladehasen statt. Natürlich unter strikter Wahrung der Distanz- und Hygieneregeln. Die Kosten werden durch das Nothilfeprogramm des Bundes getragen, und infolge der grossen Nachfrage ist Kurzarbeit kein Thema. Möge sich dieser Pioniergeist auszahlen und auch den Virus überleben!

Heinz Schweizer

 

Die Nacht zum Tag in der verkehrten Welt

Für uns hat nach der siebenwöchigen Grosseltern-Quarantäne der Alltag seinen gewohnten Rhythmus: die Enkelinnen gehen ein und aus und wir unternehmen auch wieder Wanderungen mit Freunden und (meistens!) mit gebührendem Abstand – wir sind ja an der frischen Luft! Natürlich halten wir uns an die vorgegebenen Hygienemassnahmen, die für uns schon immer selbstverständlich waren, mit Ausnahme der Masken, die ich manchmal „montiere“ im ÖV oder im Supermarkt.
In unserem Feriendomizil im Oberland habe ich es genossen, stundenlang ungestört zu lesen, zu schreiben, ab und zu fern zu sehen, die Nacht zum Tag werden zu lassen und umgekehrt lange in den Vormittag hinein zu liegen. Dann gab es auch immer wieder witzige und originelle Gegebenheiten, die Leute waren zum Teil sehr kreativ in dieser Corona-Situation. Wenn mir zum Beispiel unser Junior schilderte, wie es zu und her ging beim Homeoffice, bei den Videokonferenzen. Die Tür geht auf: „Du Schaatz, wettisch no es Käfeli“, im Hintergrund Kindergeschrei, oder bei eingeschalteter Kamera eine halbnackte Person, die aus der Dusche kommt… Vielleicht können wir uns bald gegenseitig noch ein paar witzige Geschichten erzählen. Ich freue mich jedenfalls sehr auf das Wiedersehen mit andern Panthern!

Hanna Schweizer

 

Ein Blick zurück und Fragen an die Zukunft

Mittwoch, 25. Mai, 15.30 Uhr. Wie so oft in den letzten Wochen sitze ich vor dem Fernseher und vor der Medienkonferenz des Bundesrates. Aufatmen: Mit Ausnahme von Grossveranstaltungen wird es bald kaum mehr Einschränkungen geben. Und trotzdem: Wie wird die «neue Normalität» aussehen? Ich jedenfalls werde vorsichtig bleiben.

Blick zurück: Mitte März gehörte ich als rüstiger und tatenlustiger 70-Jähriger Knall auf Fall zur Risikogruppe der Nation. Und wurde auch noch an eine Vorerkrankung erinnert, die mich doch dank Medikamenten bisher keineswegs beeinträchtigt hatte: Hochrisikogruppe!

Alles klar, also begab ich mich (bei bester Gesundheit) in die freiwillige Isolation und genoss die Entschleunigung. Anders als sonst füllte sich meine Agenda nicht, sie leerte sich. Endlich Zeit für alles, was seit Langem liegen geblieben war. Für vertieftes Nachdenken, für Gedankenaustausch per Telefon und fürs Ordnen von Fotos aus 12 (!) Jahren. Die ersten sechs, sieben Wochen waren ein echter Genuss, einfach herrlich. Danach wurde es – ehrlich gesagt – trotz der Lektüre der Tageszeitungen und mehrerer Bücher allmählich nicht mehr so lustig, eintöniger. Wenigstens hat das Fernsehabonnement für einmal richtig rentiert.

In meiner Gemeinde wird Nachbarschaftshilfe («Caring Community») als Zukunftsmodell geplant. Ob das wohl funktionieren wird? Ja! Das war der Aufsteller der Coronakrise: die gelebte generationenübergreifende Solidarität, die doch so oft schon totgesagt war. Danke allen für diesen Tatbeweis.

Nun beginnt die Zeit nach der Coronakrise, die Zeit des Lebens mit Corona. Wird sich die Gesellschaft anders verhalten als vorher? Bleibt etwas von der Entschleunigung? Werden die Schwachpunkte der Globalisierung ausgemerzt? Werden die zu Tage getretenen Mängel unserer doch für perfekt gehaltenen Demokratieabläufe geglättet? Bleibt die generationenübergreifende Solidarität?

Wir werden sehen.

Jürg E. Bartlome ( Ende Mai)

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